Wenn man den Prolog von Fate/stay night bis fate_04 noch einmal liest, gibt es eine Szene, die bei genauerem Nachdenken äußerst merkwürdig erscheint. Shirou Emiya wird von Lancer durchbohrt, von Rin Tohsaka mit einem Juwel gerettet und beschwört dann auf unerklärliche Weise Saber in seinem Schuppen – nach dieser Kette von Ereignissen bringt Rin ihn zur Kirche von Fuyuki. Dort erklärt Kirei Kotomine in seiner Rolle als Aufseher dem völlig ahnungslosen Neuling die »Regeln«: was der Heiliger-Gral-Krieg ist, was die Befehlszauber bedeuten, und dass – »man die Befehlszauber nicht einfach ablehnen kann, sobald man sie erhalten hat«.
Oberflächlich betrachtet erfüllt hier ein neutraler Priester seine institutionelle Pflicht. Doch wenn man die Perspektive erweitert und die Vorgeschichte des Vierten Krieges mit jedem einzelnen Punkt des Auftakts des Fünften zusammenfügt, erkennt man: Diese »Regelerklärung« selbst war der entscheidende Eröffnungszug des Fünften Heiliger-Gral-Krieges, und derjenige, der sie ausführte, war ausgerechnet die am wenigsten neutrale Existenz auf dem gesamten Schlachtfeld.
Die »Neutralität« der Kirche: Von Risei zu Kirei – ein nie eingelöstes Versprechen#
Um Kirei Kotomines Manöver im Fünften zu verstehen, muss man zunächst zum Vierten zurückkehren – zu seinem Vater Risei Kotomine.
Der Prolog von Fate/Zero, »Drei Jahre zuvor«, stellt eine Sache unmissverständlich klar: Risei Kotomine, der Aufseher des Vierten Heiliger-Gral-Krieges, hatte bereits vor Kriegsbeginn eine geheime Zusammenarbeit mit Tokiomi Tohsaka vereinbart. Er wies seinen Sohn Kirei Kotomine an, unter der Doppelidentität eines »Exekutors der Kirche und Schülers der Tohsaka« am Krieg teilzunehmen, um Tokiomi heimlich bei der Erlangung des Heiligen Grals zu unterstützen. Die Begründung für dieses Arrangement klang sogar beinahe warmherzig – Risei hoffte, durch den Heiliger-Gral-Krieg seinem lange Zeit innerlich leeren Sohn einen Lebenssinn zu geben, und handelte zugleich aus alter Verbundenheit der Familien Kotomine und Tohsaka sowie aus Zustimmung zu Tokiomis Streben nach der Wurzel.
Doch unabhängig von den Gründen bleibt eine Tatsache: Der Aufseher des Vierten Krieges hatte bereits vor Kriegsbeginn Partei ergriffen.
Noch bemerkenswerter ist, dass Risei sich nicht nur insgeheim parteiisch verhielt. Er setzte während des Krieges offen seine Aufseherbefugnisse ein – nach dem Caster-Zwischenfall erließ er einen Vernichtungsbefehl mit der Begründung »schwerer Regelverstoß, Gefährdung des Rituals« und erklärte, dass derjenige, der den Befehl ausführe, zusätzliche Befehlszauber erhalten würde. Diese Maßnahme war den Regeln nach völlig legitim, doch sie diente gleichzeitig dazu, die Allianz zwischen Tohsaka und der Kirche zu stärken. In Band 3, Akt 11, wurde Risei, als er gemäß den Regeln einen »verdienten Meister« empfing, von Kayneth unter Ausnutzung des Belohnungsmechanismus der Befehlszauber auf der Stelle erschossen. Die Kirche war von da an nicht mehr nur ein neutrales Schiedsgericht – sie wurde zum Schlachtfeld privater Fehden und neuer Fraktionsbildungen.
Der Endpunkt dieser Linie: Nach Riseis Tod fand Kirei die Leiche seines Vaters und vollzog dann in Akt 12 eine vollständige Kehrtwende – er tötete Tokiomi Tohsaka, übernahm den Vertrag mit Archer (Gilgamesch) und lenkte den Krieg auf eine finale Konfrontation zwischen ihm selbst und Kiritsugu Emiya zu. Nach dem Ende des Vierten Krieges überlebte Kirei und erhielt in der Katastrophe des schwarzen Schlamms einen neuen Körper. Dann nahm er den Platz ein, den einst sein Vater innehatte – als Aufseher des Fünften Heiliger-Gral-Krieges.
Die Ironie dieser Ausgangskonstellation sucht in der gesamten Fate-Reihe ihresgleichen.
Der Auftakt des Fünften: Drei »nicht-neutrale« Aktionen des Aufsehers#
Kehren wir nun zum Beginn des Fünften Krieges zurück. Der am vollständigsten dokumentierte Abschnitt ist der vom Prolog bis fate_04 – Rin Tohsaka beschwört Archer, Shirou Emiya wird hineingezogen, Saber materialisiert sich, und in der Kirche findet die Regelerklärung statt. In dieser Kette taucht Kirei Kotomines Hand an mindestens drei entscheidenden Stellen auf.
Erste Aktion: Rin Tohsaka zur Beschwörung drängen.
Im Prolog ist eindeutig festgehalten: Rin »wurde von Kirei Kotomine gedrängt, die Dienerbeschwörung noch am selben Tag abzuschließen«. Das ist keine neutrale Erinnerung. Wenn der Aufseher einen bestimmten Meister aktiv dazu drängt, die Beschwörung zu einem bestimmten Zeitpunkt durchzuführen, setzt er damit im Grunde die Startlinie des Krieges fest. Und weil Rins Uhr zu Hause eine Stunde vorging, führte sie das Ritual zum falschen Zeitpunkt durch, konnte daher nicht Saber herbeirufen und beschwor stattdessen einen rotgewandeten Archer mit Gedächtnisverwirrung – die Folgen dieses »Unfalls« durchziehen die gesamte Unlimited-Blade-Works-Route. Doch ohne Kireis Drängen wäre Rins Beschwörungszeitpunkt womöglich ein anderer gewesen.
Zweite Aktion: Die »Regelerklärung« gegenüber Shirou Emiya.
Im späteren Teil von fate_03 bringt Rin Shirou zur Kirche. Kireis Erklärung ist formal einwandfrei: Der Heiliger-Gral-Krieg ist ein Ritual, das in Fuyuki wiederholt stattfindet, derzeit ist es der Fünfte, und ein Meister kann die Befehlszauber nicht einfach ablehnen, sobald er sie erhalten hat. Doch was ist die tatsächliche Wirkung dieser Worte? Sie verwandeln einen passiven Zeugen in einen institutionell bereits festgelegten Teilnehmer. Bevor Shirou die Kirche betrat, war er nur ein gewöhnlicher Schüler, der einem gescheiterten Mordversuch durch Lancer entgangen war; nachdem er die Kirche verlassen hatte, war er ein offizieller Meister des Fünften Heiliger-Gral-Krieges. Kirei gab ihm keine echte »Ausstiegsoption« – denn was es bedeutet, die Befehlszauber zu tragen, wusste er besser als jeder andere.
Dritte Aktion: Seine wahre Identität verbergen.
In der Kirchenszene von fate_04 tritt Kirei ausschließlich als Aufseher auf. Doch die Wahrheit, die im späteren Teil der Fate-Route (fate_13–fate_15) enthüllt wird, ist: Er ist nicht nur der Aufseher, sondern auch der Meister von Gilgamesch. Gilgamesch hatte das Ende des Vierten Krieges durch Inkarnation im schwarzen Schlamm überlebt und setzte seine Handlungen im Fünften in der Archer-Klasse fort. Und Kirei stand am Ende der Fate-Route als »Hüter des Heiligen Grals« und letzter Antagonist vor Shirou – er bewachte in der unterirdischen Kapelle der Kirche den verunreinigten Heiligen Gral und wartete auf dessen Geburt.
Ein Aufseher, der zugleich Teilnehmer ist. Ein Regelerklärer, der zugleich der ultimative Regelbrecher ist. Das ist Kirei Kotomines Position im Fünften Krieg.
Der Kern des Paradoxons: Kein Ausnutzen von Regelungslücken, sondern die Regel selbst existiert nicht#
Viele Analysen beschreiben Kireis Vorgehen gern als »Ausnutzen von Regelungslücken«. Doch die Beweise deuten auf eine noch grundsätzlichere Schlussfolgerung hin: **Die Regel der »Neutralität der Kirche« im Heiliger-Gral-Krieg
